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Montag, 11. Mai 2009
Herta
Von Birtes Viechblog, 22:16

Der Beginn einer für mich persönlich rührenden und teilweise für Euch vielleicht auch lustigen Geschichte mit einem hoffentlich weit entfernten und fröhlichen Ende. Ich fasse hier den Bericht der letzten Tage zusammen...

Die Vorgeschichte

Viele meiner Leser wissen: meine Mutter hat die Grenze der Siebzig überschritten und sie ist gesundheitlich nicht die Fitteste (um es vorsichtig auszudrücken). Dies führt dazu, dass ich täglich im elterlichen Haushalt verweile, um diese und jene Dinge zu verrichten, die der Alltag eben so erfordern und die meine Mutter längst nicht mehr alleine zu tun im Stande ist.

Meine Mutter hat ihr Leben mit Tieren verbracht. Mein Vater, der schon sehr lange nicht mehr lebt, teilte diese Tierliebe nicht zwingend, aber als ich (endlich Augenzwinkern ) vier Jahre alt war, konnte sie sich unter dem Vorwand „das Kind muss ja mit Tieren groß werden“ (was sie im Übrigen niemals nicht zugeben würde! Augenzwinkern ) durchsetzen und es zogen peu a peu wieder Tiere in unser Haus. Sie kamen, wurden geliebt, lebten, starben. Wie das eben so ist.

Vor zwei Jahren schlossen wir den Meerschweinchenpalast im mütterlichen Garten. Meine Mutter schaffte den Weg nicht mehr (unser Garten ist sehr groß), um die tägliche Fütterung zu übernehmen. Außerdem starb Minkusch, ihre letzte kätzische Hausgenossin. Minkusch war, man kann es einfach nicht beschönigen, ein mürrisches, unsauberes, autonomiebedachtes Katzenviech, das nicht wirklich an einer Freundschaft mit meiner Mutter interessiert war. Man möge es ihr verzeihen - sie hatte kein schönes Leben, bevor sie bei ihr einzog. Mich mochte sie im Übrigen noch deutlich weniger.

Seit gut zwei Jahren ist meiner Mutter also nun unbeviecht. In guten Phasen äußerte sie immer wieder den Wunsch, ihr Leben wieder mit einem Tier zu verbringen. In schlechteren nahm sie davon Abstand. Wir machten uns Gedanken, beratschlagten uns mit Freunden, Nachbarn (die sich alle extrem hilfswillig zeigen :respekt:), Leuten aus dem Tierschutz, mit „unseren“ Tierärzten... Aber wir kamen zu keiner Lösung: Was ist, wenn meine Mutter ein Tier gar nicht mehr versorgen kann? Wenn - was hoffentlich noch in weiter Ferne liegt - sie stirbt? ICH kann nicht dafür garantieren, ein potentielles Tier zu übernehmen (bei uns zu Hause herrscht die Devise „das Boot ist voll“ außerdem sind meine eigenen Tiere da etwas eigen...). Und einen vorprogrammierten Fall fürs Tierheim? Nein, das muss wirklich nicht sein.

Vor fast drei Wochen - an einem Montagabend - stand meine Mutter noch unter dem Eindruck der sonntäglichen „Tiere suchen ein Zuhause-Sendung“ und seufzte den Wunsch, es wäre doch sooo schön, wieder ein Tier im Hause zu haben. Und plötzlich schoss mir eine Lösung durch den Kopf: ich bin im Verteiler diverser Tierschutzaktivisten und bekomme jede Woche irgendwelche Notfelle ins Haus gemailt. Eine dieser Mails kam zwei Wochen zuvor von der Freundin einer Freundin.

HERTA...

(Foto von Julia Niessen)

Eine bildhübsche, siebenjährige, menschenfreundliche kleine Prinzessin, die nach draußen möchte und gleichzeitig aber auch Einzelkatze sein darf. Sie mag Menschen lieber als andere Katzen, mit Hunden komme sie gut klar (glücklicherweise finden auch unsere Nachbarshunde Katzen in Ordnung...). Ein Scheidungskind. Ihre Besitzerin kann sie - aktuell - nicht mit in die neue Wohnung nehmen. Sie hat in 1,5 Jahren aber wieder die Möglichkeit, ein katzengerechtes zu Hause zu bieten. Die momentane Situation ist für Mensch und Tier schwierig (Herta ist unter anderem täglich bis zu 15 Stunden allein), werde sich aber ändern. Sollten sich jedoch Menschen finden, die Katz alles bieten könnten, was es braucht, könne es umziehen. Kein wirklicher Notfall also.

Ich setzte mich mit Hertas Noch-Besitzerin in Verbindung und wir fanden beide die Idee klasse, die einsame Herta mit meiner einsamen Mama in Verbindung zu bringen. :)

Noch am gleichen Abend fuhren meine Mutter und ich hin, um uns Herta anzusehen.

Hier fängt der Teil der Geschichte an, der mich wirklich rührt. Meine Mutter, verständlicherweise ganz aufgeregt, packte ein großes Fotobuch ein, das ich ihr zum Siebzigsten geschenkt hatte, welches den gesamten Garten, das Haus und seine Umgebung in allen Jahreszeiten abbildet, um Hertas Frauchen zu zeigen, wie schön Herta wohnen würde... *seufz* Herta war etwas verschreckt, als sie meine Mutter kennen lernte, aber auch ein wenig neugierig. Und meine Mutter krähte mit typisch großmütterlichem Unterton nach „Hertaaaaleiiiiin...“ (mein Mann und ich stellen uns darauf ein, dass dies der meistgehörte Ton der nächsten Wochen sein wird Augen rollen Lachen ). Hertas Besitzerin und ich schauten uns nur an und flüsterten uns leise zu, dass dies wohl insgesamt ein gutes Werk sei...

Leider bekam meine Mutter am Folgetag einen Kreislaufkollaps (der plötzlich heiße April war etwas zu viel) und die „Kommt Herta?“ Frage wurde vertagt. Die plötzlich einsetzende schwere Schwäche war für meine Mutter ein erschreckendes Warnsignal, sie bat sich noch etwas Bedenkzeit aus. Außerdem beschloss sie, dem auch noch einmal weiter ärztlich nachgehen zu lassen, denn, wenn Herta käme, müsse sie ja fit sein! Kiss Sie entwickelte diverse Ideen: wir müssten eine Schaufel basteln, die einen langen Stiel hat, mit dem sie das Katzenklo reinigen könne, ohne sich zu bücken (eine Art „Bollensammler“), sie träumte davon, eine schnurrende Herta in ihren Kniekehlen liegen zu haben... Aber auch manch Zweifel kam („Eigentlich hätte ich ja noch lieber einen Hund...“ NEIN!), „Kann ich Herta nicht ein Geschirr anlegen, mit dem ich mit ihr schon am Anfang in den Garten kann?“ (Nein, Mama, das Tier mit der Leine und dem Halsband war der Hund...“ Augen rollen ). Und so weiter.

Vorgestern fiel dann endlich der Pro-Herta-Beschluss. Also, genauer gesagt lief das in etwa so ab: Ich fragte leise nach, wie meine Mutter sich das denn nun vorstelle? „Natürlich kommt Herta zu uns!“ lautete die empörte Antwort. Ich rief also die Noch-Besitzerin an und wir einigten uns, dass Frau Katz am Freitag umziehen solle. Sie würde vorbei gebracht. Wir vereinbarten, einen Schutzvertrag abzuschließen und (das war schließlich eine der Grundideen): Herta kann jederzeit, sollte meine Mutter tatsächlich eines Tages nicht mehr in der Lage sein, Herta zu bekümmern, zu ihrer Ursprungsbesitzerin zurückkehren. Wir hoffen natürlich, dass dies nie nötig sein muss, aber es gibt mir und natürlich auch meiner Mutter die notwendige Sicherheit, die die Neuanschaffung eines Tieres von Nöten machte. Gleiches gilt für längere Krankenhausaufenthalte.

Der Bau von Herta-Castle

Es war klar, dass Herta ohne „Zubehör“ abgegeben würde. Wir hatten jedoch „nur“ noch zwei Katzenklos. Minkuschs alter Kratzbaum war an andere Katzenbesitzer abgegeben worden. Also ging ich shoppen! großes Grinsen

Und ich geriet in einen wahren Kaufrausch. Auf einmal fand ich es nämlich hochgradig aufregend, dass ein neues Tier zu unserer Familie zählen sollte. Springen

Als ich den hiesigen Fressnapf wieder verließ hatte ich einen Kratzbaum der Kategorie „Chat de Luxe“ (gefühlte 170kg schwer), Edelstahlnäpfe, Futter, Leckerchen, Katzenmilch, Katzenstreu und voll ökologisches Katzenspielzeug (ja, das gibt’s - sieht aus wie Sigikid-Spielzeug für Kleinkinder und wird von Herta bestimmt keines Blickes gewürdigt werden Augenzwinkern ) und Catnip-Spray (das Tier soll sich schließlich auf Anhieb wohl fühlen) im Wagen. Die Kassiererin war dann auch besonders freundlich zu mir und verabschiedete mich mit „Beehren Sie uns bald wieder!“ Winken während ich beschloss, in diesem Monat einfach keine Kontoauszüge mehr zu ziehen... [1]

Irgendwie buchsierte ich den ganzen Krempel in mein Auto und ins mütterliche Heim und widmete mich mit vollem körperlichen Einsatz dem Aufbau der Katzenkratze (farblich passend zum Mobiliar!). Ganze 1,5 Stunden floss mein Schweiß und am Ende stand er da und ich dachte nur „Im Laden sah der aber kleiner aus...“ verwirrt Ich rief meine Mutter, die vollkommen entsetzt das Kratzbaummonster anstarrte. DAS käme ihr SO nicht ins Wohnzimmer! Da müsse sie ja ein ganzes anderes Möbelteil entfernen. Nach einer dreifachen Umbauaktion, dem Verrücken einiger Möbelteile und vielen Zigaretten auf der Terrasse, während derer ich mir immer wieder vorflötete „Ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein...“ war aus Cat Castle eher die Hütte des Torwächters geworden und fand Gnade in den mütterlichen Augen. „Schau, da steht er doch schön...“ Das andere Katzenzeugs kam an die weiteren wichtigen Stellen und ich schickte eine SMS an Hertas Noch-Frauchen: Alles ist fertig, sie kann kommen!
Heute Abend ist es so weit. Ich werde berichten. großes Grinsen Und ich freue mich! Springen

[1] Ja, Ihr dürft mich bekloppt nennen...

Herta ist da


So, das süße Katzentier betrat heute gegen 18:15 Uhr einen neuen Pfad in seinem Leben. Sie weinte fürchterlich in ihrem Korb, kam ja aber mit ihrer alten "Mama" und deren tollen Hund. Wir öffneten vorsichtshalber den Korb im Bad, damit sie direkt das Katzenklo finden konnte und zogen uns zurück. Herta sollte selbst ihren Weg durch das Haus finden.

Kung Fu - das ist der hündische Begleiter - war zwar zunächst mehr an uns interessiert (naja, eigentlich suchte sie das ganze Haus nach Hundespielzeug ab Augenzwinkern ), trat Herta dann aber verstärkend an die Seite. Herta untersuchte - den Schwanz meist demütig ängstlich eingekniffen, ab und an dann aber auch schon keck in die Luft gestreckt, das neue Heim und brüllte in jedem Raum los: "Zu Hüüüülfeee! Was ist DAS denn hier? Wo bin ich???" Nur die Stimme ihrer - jetzt - Ex-Besitzerin und das immer wieder Auftauchen von Frau Fu halfen ihr, immer wieder die Fassung zurück zu gewinnen. An Bestechungsversuche war nicht zu denken: das arme Katz war viel zu aufgeregt (Frau Fu nahm sie hingegen gern).

Ich war hibbelig und meine Mutter? Die Coolness in Person... Tse... verwirrt

Nach einer guten Stunde verkroch Herta sich dann hinter die Couch und ward von minutan nicht mehr gesehen. Auch Frau Fu fand sie nicht mehr. Sie guckte sich verwirrt nach Herta um, es half auch nichts, dass wir ihr sagten, sie sei schließlich der Hund und demnach viel findungsfreudiger als wir...

Der Abschied fiel dann zwischen den Menschen herzlich aus. Ich glaube, es war auch gar nicht schlecht, dass Mensch und Tier sich nicht verabschieden konnten. Jedenfalls gab es mehr Erleichterung denn Tränen.

Wir ließen Herta erst einmal Herta sein. Nach einer Weile konnte ich dann aber doch nicht an mich halten und sah hinter die Couch. Herta war etwas reserviert, aber keinesfalls panisch. Was könnte ihr wohl helfen? Natürlich: Malzpaste! Die Tube erkannte sie sofort und gierte danach. Stückchen für Stückchen traute sie sich aus ihrem Versteck. Nur, um sich dann auch wieder zurück zu ziehen. Das Spielchen wiederholten wir - unterbrochen durch mehrere lange Pausen - und nachher reichte eine leise Ansprache und sie kam an und wollte schmusen. Sie fing sogar an, mich freundlich anzubrrrrrren. Kiss

Irgendwann traute sich sich noch einmal, das Haus zu erkunden. Sie sprang sogar einmal kurz zu meiner Mutter auf die Couch und ließ sich streicheln. Jedes fremde Geräusch machte ihr jedoch wieder Angst und sie verkroch sich wieder.

Ich finde, für einen so aufregenden Tag hat sie seeehr viel erreicht! Respekt

Meine Mutter schmiss mich dann eben aus dem Haus. "Nun sei genug G'schiss ums Tier gemacht!" Pöh! Also...

Ich denke, die Beiden werden sich ganz bald gut zusammenraufen.

Fotos habe ich keine gemacht, sorry Nici, aber das war heute Abend nicht drin. Mache ich aber bestimmt noch.

Herta ist eine super freundliche und wirklich unkomplizierte Katze. Ich gaube an einen echten Glückskeks.

Hertas erste Tage

Nun wohnt Herta erst vier Tage bei meiner Mutter und ich muss zugeben, dass ich nie ein erwachsenes Katzentier sah, das sich derart schnell einfügte. Das Tempo, welches sie bei ihrer Eingewöhnung vorlegt (wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist mehr wie "veni, vidi, victi...") ist mir etwas unheimlich.

Da ich am Samstag von höllischen Kopfschmerzen heimgesucht wurde, die jeden Aktionismus im Keim erstickten, konnte ich nicht zu meiner Mutter fahren. Wir telefonierten gen Mittag kurz und der Herta-Bericht fiel knapp aus: Ist alles ok... Ok? verwirrt Ok...
Am Abend führten wir noch ein kurzes Gespräch in dem mir berichtet wurde, Herta habe den gesamten Nachmittag in ihren Kniekehlen geschlafen. Ich war neugierig ob des emotionalen Zustandes, in den meine Mutter sich denn nun versetzt fühle, was mit einem knappen und in sachlichem Ton formulierten "Ja, was denn? Ich lieb sie und sie liebt mich!" beantwortet wurde. Oh. Das ging ja schnell.

Ich war dennoch irritiert, da meine Mutter eigentlich ein ebenso emotionaler und überschwenglicher Typ ist, wie ich es bin.

Gestern Abend hatte ich mich so weit berappelt, dass wir denn doch noch zu meiner Mutter fahren konnte (war ja schließlich Muttertag). Mein Mann und ich betraten das mütterliche Heim und ein kleines schwarzes Etwas kam zur Begrüßung um die Ecke. Guck an... Hallo Herta! Mich erkannte sie sofort ("Ah, Dich kenne ich, Du warst doch die mit der Malzpaste...") meinen Liebsten beäugte sie eher misstrauisch denn ängstlich. Jener ließ einen tiefen Seufzer aus seiner Kehle erklingen, der, wie ich nach etlichen Jahren des Zusammenlebens weiß, zweierlei bedeutet: "Ach Du Sch****, NOCH ein Tier..." ebenso wie "Ach Du Sch****, ist die SÜß!" Nachdem wir eine Weile im Garten saßen verschwand er und als ich leise um die Ecke linste, sah ich, wie er Herta auf dem Arm das Katz beschmuste. Noch ne Nuss geknackt...

Meine Mutter war allerdings etwas beleidigt, nicht noch zusätzlich etwas zum Muttertag zu bekommen. Der Argumentationskette Herta -> Fressnapf -> Monatsgehalt gegenüber war sie wenig zugänglich...
Memo an Fidelma: Katze ersetzt keine Blumen an Muttertag.

Nach Abschluss des ersten Tagwerks für heute machte ich meinen Mutterbesuch: ich kam, meine Mutter lag, wie jeden Nachmittag üblich (da ist ihr Pulver einfach schon verschossen), auf der Couch und ich fragte, wo Herta sei? "Miee" krähte es unter der Decke und ein kleiner schwarzer Katzenkopf wuselte sich nach oben und blinzelte mich verschlafen an. Ich grinste und das Gesicht meiner Mutter leuchtete... Eeeendlich! Ich glaube, sie traute sich bisher einfach nicht zu glauben, dass sie wirklich ihr Herz an diese Katze hängen dürfe. "Sie macht es mir soooo leicht!" sagte sie und von da an hieß es nur noch "Herta hier, Herta da..." Ich freute mich sehr.

Es wirkt wirklich so, als ob Herta nie woanders gelebt habe: sie spielt, sie schmust, sie frisst, sie nutzt die Kratze, sie sucht permanent den Kontakt zu meiner Mutter, sie spricht (viel!), sie nutzt ihr Klo... Und überhaupt gehört das ganze Haus (selbstverständlich!) Herta. Nur dass sie noch nicht raus darf, DAS findet sie richtig doof (sie läuft von einem Fenster zum anderen und nölt dabei rum). Aber das braucht eben noch sechs Wochen.

Herta füllt durch ihr Sein und auch durch ihre Art genau die Lücke, sie schon lange - viel zu lange - offen stand. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass sie zu uns kommen durfte.

Habt noch einen schönen Abend!

Fidelma

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