Du befindest dich in der Kategorie: Mitten aus dem Leben Samstag, 06. Dezember 2008
Henriette
... oder wie ein Federvieh eine Firma auf Trab halten kann! ![]() Dieses Bild ist dem Original verblüffend ähnlich.
Den Namen habe ich ihr nun nach dreitägiger Anwesenheit verpasst. Vielleicht ist Henriette auch ein Hahn, ich weiß es nicht, aber ich finde, der Name passt einfach zu ihr. Diese eine Kollegin ist nicht besonders tierlieb und nicht-tierliebe Menschen sind mir eigentlich immer etwas suspekt, aber selbst sie war dem Charme und der Schönheit dieses Wesens, das flehentlich auf ihren Bürotisch linste, erlegen. "Birte, seit Stunden sitzt sie da!" sagt sie mit einem leicht verzweifelten Ton. "Was machen wir denn nun?" „Hm…“ sage ich. „Sie will rein, oder?“ „Sieht so aus... Viel deutlicher kann man es nicht sagen.“ lautet meine Antwort. „Aber wir können doch keine TAUBE ins Büro lassen…“ „Hm… ich überleg mir was“ so meine Reaktion. Eine Weile überlegen wir, woher der Vogel wohl stammt und wieso er nicht nach Hause findet. Dazu muss man wissen: ich bin so was wie die inoffizielle Tierschutzbeauftragte unseres (nicht kleinen) Ladens. Irgendwie hat es sich rumgesprochen (gut, ich habe relativ viel Publikumsverkehr und mein Herz für Tiere ist in meinem Büro nicht zu übersehen – Bilder alle „meiner“ Viecher zieren seine Wände): immer mal wieder klingelt mein Telefon, weil in irgendeiner Einrichtung wieder irgendwas Vierbeiniges gefunden wurde. Beispielsweise: „Ich hab hier ’ne winzige Katze auf meinem Schoß sitzen, die saß draußen unterm Holzstapel, was mach ich denn jetzt damit?“). Da mein Mann auf den Satz „Bring vorbei und dann sehen wir weiter“ mittlerweile hochallergisch reagiert habe ich auf verschiedenen Post-Its die Rufnummern der örtlichen Tierschutzvereine notiert und an meinen Monitor gepappt. Und nun also eine Taube… Ich sammele einen Karton aus dem Lager, mache Löcher rein und frage mich, wo ich mit der Taube hin soll. Zoo? Mal sehen…Als ich Feierabend mache ist die Taube jedoch verschwunden. Vor fünf Minuten sei sie weggeflogen. Ich beherzige den ehernen Grundsatz sozialer Arbeit „Hilf keinem, der nicht geholfen werden will“ und mache mich auf den Heimweg. Nun fahre ich mal wieder einen Löcherkarton im Auto spazieren.Am nächsten Tag, später Vormittag, komme ich in das Büro meiner Chefin: „Guck mal daaaaa!“ deutet sie verzweifelt auf eine hübsche weiße Taube, die eindeutig Einlass begehrt. „Ah“ sag ich „die kenne ich. Ist sie also wieder da...“ und erzähle die gestrige Geschichte. „Und nu?“ fragt meine Chefin „Die macht mich wahnsinnig, so wie sie hier reinguckt!“ Der Löcherkarton befindet sich im Auto, also bau ich einen neuen. Und ich frage wieder Tante Google, die sagt, es gäbe ganz in meiner Nähe einen Taubenschutzverein. Außerdem, erzählt sie mir, seinen Pfautauben schützens- und fangenswert, weil eher für die Voliere gezüchtet und Greifvögeln und anderen Widrigkeiten der Natur ausgeliefert und zum Tode verdammt. Mein Retterherz pocht. Ich eröffne also die Taubenjagd – was Henriette gar nicht lustig findet. Sie will rein, nicht gefangen werden und verzieht sich beleidigt auf die Fensterbank unseres EDV-Schulungsraums. Von da hat sie einen guten Blick in mein Büro und somit auf mich. Ich beschließe, den Taubenschutzverein zu alarmieren, habe aber nur das Band dran. Tja, bringe ich das Vieh später einfach vorbei, sofern es sich denn fangen lässt, und öffne meine Bürofenster. Es ist kalt. Henriette findet es auch kalt, kommt angespurtet und wärmt sich ihren Taubenpo an meiner Heizung. Ich sitze am offenen Fenster, arbeite an meinem PC in Jacke und Schal gemummelt während eine Führung für junge Nachwuchsführungskräfte durch unser Gebäude stattfindet. Die blocke ich vor meiner Tür ab (und dabei bin ich die einzige, an deren Tür „HERZLICH WILLKOMMEN“ steht). Hab ich das Tier schließlich endlich fast da, wo ich es hin haben will. „Wissen Sie, ich habe da grad einen Vogel“ teile ich den jungen aufstrebenden Menschen auf dem Gang mit. Sie glauben mir aufs Wort. Etwa eine Stunde später kommt meine Chefin fluchend in mein Büro. „Ist ja nicht so, als müssten wir hier arbeiten, oder? Ich habe wahrlich anderes zu tun! Du holst Dir den Tod!“ schimpft sie. Was hat sie nur? Ich arbeite munter vor mich hin und sehe ihr aus den Augenwinkeln zu, wie sie eine handvoll Körner auf meiner Fensterbank ausstreut. Ich glaube, die hatte sie von ihrem Brötchen abgeknibbelt. Die Taube findet DAS natürlich super. Fangen lässt sie sich weiter nicht. Ich muss Feierabend machen und zum Pferd. Henriette lasse ich zurück. Ein Löcherkarton steht nun auch in meinem Büro einsatzbereit. Gestern betrete ich wie jeden Morgen mein Büro. Von Henriette keine Spur. Hat sie sich wohl was Neues gesucht oder die Natur hat sie sich geholt. Auf meinem Schreibtisch klebt ein großes Post-It mit der Handschrift meiner Chefin: „Taubenschutzverein hat angerufen: können nix machen. Vogel hat noch mal blöd geguckt und ist weggeflogen.“ Aha. Etwa zwei Stunden später klingelt mein Telefon und meine ansonsten ausgesprochen ausgeglichene und natürliche Kollegin (also diesmal eine andere) keift divenhaft ins Telefon: „ICH KANN SO NICHT ARBEITEN!!!“ Höh? „Hier sitzt ne weiße Taube und beobachtet jeden meiner Handgriffe!“ Ahhh! Henriette ist wieder da. Meine Kollegin wird handgreiflich und verscheucht das Tier (sie ist pragmatischer als ich). Einmal schaut Henriette noch bei mir vorbei, dann ist sie verschwunden. Ein bisschen schade finde ich das. Ich hätte sie gern gerettet (ich rette gern, zugegebenermaßen). Mal sehen, ob sie Montag wieder da ist. Sie ist mir doch ganz schön ans Herz gewachsen. Vielleicht sollte ich Taubenfutter kaufen und ein Häuschen vor meinem Büro aufstellen? Ich wünsche Euch allen ein schönes zweites Adventwochenende! Fidelma
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