Vier Tage voll Schweiß und Vollblut - Kursbericht: Reken - Reiten im leichten Sitz; Galopptraining
Hallo Pferdeleute!
Erst einmal ganz lieben Dank für Euren Zuspruch, Eure lieben aufmunternden Worte und Euer Verständnis. Natürlich ist mir klar, dass es nach einer so langen Zeit der gefühlten Erfolge nicht so weitergehen konnte – es zu merken ist dann aber eben doch eine ganz andere Hausnummer
. Spannend finde ich, dass ich in meinem Reitlernvorhaben eine ganze Menge mehr lerne, als „nur“ zu reiten: ich entdecke – wenngleich ich mich bisher für einen reflektierten und mich selbst gut kennenden Menschen gehalten habe - auch eine ganze Menge über mich selbst…
So, aber nun der versprochene Reken-Bericht…
Donnerstag...
Ich war gefrustet, schlecht drauf, ich fühlte mich einfach nicht wohl… So ungefähr verlief dann auch mein Einstand in den – ansonsten sehr nett verlaufenden, das nehme ich vorweg – Kurs: ich fand meine Kurskollegen nicht übermäßig sympathisch, unsere Ziele, das stellte ich schon in der Vorstellungsrunde fest, waren nicht zwingend deckungsgleich. Nach der ersten theoretischen Einführung wurden dann die Pferde zugeteilt. Wir gingen zur Weide und ich bekam ein mittelgroßes dunkelbraunes Tier mit trockenem Kopf zugeteilt. Na, denke ich, und suche nach einem Brand, das ist doch wohl nicht etwa…? Addi, so erfahre ich, ist ein Vollblut. Und zwar einer, der früher auf der Bahn gelaufen ist.
Und so einen bekomme ich zum GALOPP-Training?
Ich beruhige mich: wir sind in Reken, dem Mekka der (ängstlichen) Freizeitreiter und Späteinsteiger! Dieses Tier wird mehr als ruhig und gelassen sein – und schiebe alle Blüterfahrungen (besonders die, mit solchen, die „von der Bahn“ kommen) in die hinterste Ecke meines Hirns. Beim Herunterführen spricht die Reitlehrerin eine Teilnehmerin an, die angegeben hatte, erst im letzten Oktober mit dem Reiten angefangen zu haben: „Bitte erwarte nicht zu viel von Dir!“ Sie dreht sich um und spricht mir ins Gesicht: „Und das gilt auch für Dich!“ Ich fühle mich erkannt… *erröt*
Unterm Sattel ist Addi wirklich ein kleiner Schatz. Wir müssen vorreiten und unser „Können“ demonstrieren. Anschließend gibt es die erste Videoanalyse. Und die macht mich fertig!
Zoom auf etwas, von dem ich dachte, es einigermaßen im Griff zu haben: meine im Rhythmus des Leichtrabens auf und nieder hopsenden Hände (das haben alle anderen auch, aber mich schockte das so sehr, weil ich daran so hart gearbeitet hatte). Nächster gnadenloser Zoom auf mein Bein. Stop: meine hochgezogene Ferse. Die Reitlehrerin spricht seufzend: Wenn du die wenigstens in die Waagerechte bekämst, aber DAS werden wir in vier Tagen wohl kaum schaffen. Das Video erinnert mich extrem an das von Splash im Januar…
Die nächste Reiteinheit steht nach der Mittagspause an: zuerst einmal bekommen wir alle einen Knoten in die Zügel gemacht, damit die Hand dort bleibt, wo sie hingehört und sich nicht wegbewegt. Wir gehen mit unserer Schulpferde-Untergruppe (vier Paare) in die kleine Ovalbahn: und los geht es nach einer Schrittrunde im Trab in den leichten Sitz. Ich gerate leicht in Seenot. *schwank* Was mich erschreckt ist, dass ich keine Puste an diesem Tag habe: ständig muss ich durchparieren und pausieren. Irgendwas stimmt nicht.
Neidisch blicke ich zu den Leuten, die nebenan an der GHP an der Hand arbeiten...
Am Abend habe ich einen weiblichen Nervencrash (so was hatte ich eeewig nicht mehr): ich heule mir die Seele aus den Augen (kennt Ihr diese Szene aus „Harry und Sally“ in der Meg Ryan erfährt, dass ihr Ex heiratet und Billy Crystal sie trösten muss und sie dann… Also genau SO habe ich geheult): Auf dem Klo sitzend: NIE lerne ich das! Auf dem Bett sitzend: NIE, alles umsonst! Am Küchentisch: NIE schaffe ich das! Auf der Couch: NIE!
Über eine Stunde. Mein armer Mann…
Der hat nach dieser Attacke leise gefragt, ob ich nicht nach meinen Reitstunden, bevor ich heim komme, erst einmal beim Therapeuten unten an der Ecke vorbeischauen könne…?
Ein langes Gespräch mit Inaara (danke!
) hat zu meiner guten Laune wieder beigetragen und heute kann ich definitiv da auch wieder über mich lachen. Verbuche ich unter „Hormonelles“…
Freitag...
Ich fahre nach dem gestrigen Abend mit einer gewissen LMAA-Stimmung nach Reken. Der Morgen beginnt mit dem Abäppeln der Weide. Es gibt kein besseres Antidepressivum.
Wir machen weiter mit einer Videoanalyse des letzten Rittes am Vortag. Dann geht es ans „Turnen“. Wir dehnen uns und wieder einmal wird mir meine Unbeweglichkeit bewusst. Am Stützbalken wird „Federn“ und am Sitzbalken „Sitzen“ geübt. Wir machen die Pferde reitfertig.
Die erste Reiteinheit des Tages findet für meine Gruppe wieder auf der kleinen Ovalbahn statt: zum leichten Sitz im Trab kommen nun ein- und freihändige Übungen dazu. Und wieder schwindet mir alle paar Minuten die Puste. Ich beginne mir ernstliche Gedanken um meinen Gesundheitszustand zu machen: ich bin mit Mitte Dreißig die deutlich Jüngste im Kurs, aber alle anderen sind fit wie Turnschuhe. Aber ich bin mehr in Balance.
Meine Mitreiter werden mir auch immer sympathischer.
In der Mittagspause fahre ich mit einer Kurskollegin nach Reken in eine Pizzeria: Kohlehydrate in Form von Penne tanken. Obwohl ich vollgefuttert bin hat mir genau das extrem gut getan. Den Nachmittag mit der ersten Galoppeinheit auf der großen Töltbahn überstehe ich mit etwas Freude und nur sehr wenig selbst eingelegten Pausen. Addi hat Spaß am Galoppieren: klar, dazu isser „gemacht“. Aber trotz Horsus Galoppus ReXX ist er ist kein „flach und wech“ (tm)... Vor dem Reiten hatte mich die nette junge Reitlehrerin etwas bei Seite genommen und gemeint, ich solle versuchen, weniger auf den Oberschenkeln zu sitzen und mal etwas weniger verbissen zu reiten – auch eine meiner alten Baustellen
…
Am Abend sagt mir eine Freundin am Telefon etwas Ähnliches: Hab doch einfach mal Spaß dran!
Samstag...
Genau den habe ich an diesem Tag. Und was für einen!!!
Der Tagesablauf gleicht dem des Vortages: Video, Turnen, Reiten, Pause, Video, Reiten. Pferde versorgen und Wiese abäppeln.
Aber wir sind irre viel geritten!
Morgens: warmreiten, dann ab in den Spielepark. Zunächst die Böschungen (teilweise echt steil
) rauf und runter klettern. Alles im leichten Sitz natürlich. Runter bekomme ich immer etwas Muffe. Aber mein Addi (never change a winning team!) ist wie eine kleine Bergziege. Dann erklimmen wir den Billard. Erst im Schritt (da haben wir einmal zu wenig Schwung und Addi bleibt zögernd mit den Vorderbeinen auf der ersten Stufe stehen), dann im Trab. Eigentlich sollen wir im Schritt wieder runter kraxeln, aber Addi und ich können (erst unabsichtlich, dann gerne
) auch im Trab wieder runter. Ich muss aufpassen, dass ich bei seinen kleinen Hopsern nicht hinter seine Bewegungen komme. Weiter geht es ins „Loch“, dann durchs Wasser. Zum ersten Mal in meinem Leben bekomme ich eine Ahnung davon, weshalb Menschen Spaß am Springreiten (und sogar am Buschreiten – was ich bis dato für verrückt hielt!) haben können.
Plötzlich kommt mir der Gedanke ans Springen gar nicht mehr sooo abwegig vor.
Der Vormittag ist noch nicht vorbei: weiter geht es in der großen Ovalbahn mit dem Galopptraining. Federn, federn, federn, federn! Das meist gehörte Wort in diesen Tagen. Und immer klar den äußeren Zügel dran haben! „HEY!“ schallt es durchs Megafon „den äußeren – ÄUßEREN – Zügel!!!“ Ich brauche keine Pause, meine Kondition ist (wieder) noch voll da. Ich könnte noch ne Stunde…
Am Nachmittag geht wieder in die kleine Töltbahn: Stangenarbeit im Trab. Zwei Stangen, drei, vier… Dann freihändig. Wieder habe ich einen irren Spaß. Und ich halte meine Balance. Aber das zeigt sich bei wirklich allen. Nach 45 min. geht es wieder in die große Ovalbahn. Zwischen zwei Pylonen sollen wir die Tritte verlängern und wieder verkürzen. Im Trab (Leichttraben) fällt mir das nicht schwer („Streeeeber!“ hallt es aus dem Megafon), aber im Galopp…?
Verlängern ist gar kein Problem bei meinem kleinen Rennpferd.
Da werden aus ursprünglich zehn Galoppsprüngen ganz unproblematisch auch neun oder gar acht, aber verkürzen? Nope. Keine Chance. Weiter runtergedrosselt bekomme ich Addi an diesem Tag nicht.
Aber ich bin rundum zufrieden.
Wir saßen heute mindestens drei Stunden (zusammengerechnet) auf den Pferden. Ich hätte gefühlt noch eine Stunde können. Mindestens!
Sonntag...
Der Wettergott hat uns leider etwas verlassen… Es nieselt. Nicht allzu dolle, aber es nieselt. In meiner Regenreitjacke schwitze ich mich tot. Und so sitze ich trotz kühlerem Wetters doch wieder in T-Shirt und Weste auf Addi. Die Videoanalyse hat ergeben, dass ich besonders große Probleme habe, im leichten Sitz vom Galopp in den Trab durchzuparieren und Haltung zu bewahren – gleiches gilt für die Temporegulation im Galopp – da rutschen mir beim Aufrichten die Beine nach vorn und die Füße in die Bügel. Da jeder heute Morgen machen kann, was er möchte, nehmen wir uns dies als meinen Schwerpunkt. Mit einer 15 minütigen Pausenunterbrechung reiten wir gute 1,5 Stunden auf der großen Ovalbahn. Es ist deutlich spürbar, dass bei Menschen und Pferden die Luft raus ist. Ich mache auch zwischendurch schlapp.
Macht aber nix…
Die Pferde werden versorgt, auf die Wiese gebracht und verabschiedet (Addi ist, glaube ich, froh, mich los zu sein
). Nach einer kurzen Mittagspause gibt es noch das Abschlussgespräch und unser „Jodeldiplom“ .
Und schon sind vier Tage intensiven Reitens vorbei… Nett war’s.
Nächstes Mal vielleicht der Cavaletti-Kurs?
Fazit: ich bin in dieser einen Woche genau so viel geritten wie in den letzten zweieinhalb Monaten zusammen: zwölf Zeitstunden, verteilt auf elf Reiteinheiten, verteilt auf sieben Tage. Leider sind dabei mehr Baustellen aufgedeckt als begradigt worden, aber das gehört eben einfach dazu. Und etwas Handwerkszeug zum Üben habe ich ja auch mitbekommen (ich sag nur „Federn, federn, federn…“). Ich bin müde, habe haufenweise dreckiges Reitzeugs zu waschen und die typische Reiterbräune: Gesicht und Arme ab T-Shirtärmelende bis zum Handschuhbeginn.
Aber: ich habe KEINEN Muskelkater! Und zwei Kilo abgenommen habe ich auch!
Wie soll ich es jetzt nur wieder mit „nur einmal wöchentlich reiten“ aushalten?
Ich danke für Euer Auge und wünsche Euch einen wunderschönen Start in die Woche!
Liebe Grüße
Fidelma