... und nächste Woche auf's Turnier?
Hallo Zusammen,
nee, keine Sorge, das wird jetzt kein irrwitziger Bericht aka "Wie wird man Turnierreiter in fünf Tagen?" - auch wenn ich mich extreeeem gebauchpinselt fühle (dazu unten mehr) - nein, ich erzähle von meiner heutigen Reitstunde.
Im Moment bin ich von neugierigen Menschen umschwirrt, die mich gerne begleiten. Das ist für mich ganz praktisch, weil ich so immer jemanden zum Gegenhalten und so habe...
Heute begleitete mich die Freundin, der ich das eigentlich alles zu verdanken habe, weil sie mir letzten Sommer meine Reitschule zeigte.
Meine Freundin berichtete mir schon auf dem Hinweg, dass da heute am Stall mit Sicherheit eine Menge los sei, da morgen Kreisjugendmeisterschaft wäre und die dort drei Mannschaften genannt hätten. Sie weiß sowas irgendwie immer. Ich hingegen war einfach nur aufgeregt und völlig uninformiert, weil ich die ganze Woche auf Dienstreise war. Und müüüüüde war ich. Mein Sinn war schon auf "Pferd" geeicht, aber nach "Arbeit" war mir so gaaar nicht zu Mute.
Angekommen stellte ich erfreut fest, dass mir wieder der liebe braune Oldenburger (sein Name ist im Übrigen Silvester) von der ersten Stunde zugeteilt wurde.
Meine Freundin hatte Recht, es herrschte ein sehr emsiges Treiben: hier wurden Pferde eingeflochten, dort wurden Aufgaben geritten, andernorts wienerte man Sattelzeug.
Ob's an der anstehenden Meisterschaft oder an meiner (Ver-) Peilung lag: ich hatte fest im Kopf, dass die Stunde um sechs begönne und saß brav um Viertel vor auf dem Pferd. Ich ritt uns warm. Und wärmer. Und noch mehr. Und noch ein Ründchen. Ich begann zu schwitzen.
Um mich herum waren drei Ponyflitzer (solche von der gemeingefährlichen Sorte: die hier und da aus dem Nichts vor einem in einem irren Tempo auftauchen) und ein Mädel auf einem großen federnden Warmblut.
...
Hm. Wo ist der Reitlehrer?
...
Nebenan fängt die Reitstunde pünktlich an. Eine kleine Erwachsenenanfängergruppe. Ich frage höflich nach, ob ich vielleicht falsch bin und eigentlich da hinüber soll? Nene, ruft die Reitlehrerin herüber. Alles ok.
Ich reite weiter meine Kreisel und "Hausaufgaben" bezüglich der seitwärts treibenden Hilfen - aber letzteres klappt auch heute nicht wirklich. *grmpf* Silvester und ich hatten schon beim Aufsteigen ein kleines Zwiegespräch in dem ich, ich war ja auf seine Ruhe - aber auch Triebigkeit - gefasst, klarstellte, dass ich für heute gedachte, über Tempo, die Größe der Bahn etc. zu bestimmen. Vielleicht war es die Gerte unter meinem Arm, vielleicht aber auch mein mittlerweile gewachsenes Selbstvertrauen, das Silvester in ein sofortiges Einwilligen in dieses Agreement bewegte. DAS jedenfalls funktionierte heute. Meistens jedenfalls...
Die Zeit schritt voran und innerlich freute ich mich sogar in der losen Hoffnung, es gäbe vielleicht gar keine Stunde... Vielleicht hätte irgendwer in einem hohen Maße an Empathie gegenüber meiner verweichlichten Körper- und Geisteskraft ein Erbarmen mit mir? So nach dem Motto "lassen wir der Birte heute doch einfach mal ihren Spaß...". Hätte ich gaaar nix gegen gehabt.
Um halb sieben beschloss ich dann, genug Sport für heute getan zu haben und sinnierte übers "Trockenreiten" nach (ich musste trocknen, das Pferd hatte kein nasses Haar). In jenem Moment schallt es durch die Bahn: "Sooooo! Fangen wir mal an..." Der Juniorchef steht in der Bahn.
Und dann ging es los. Und wie es los ging. Wir ritten durcheinander und ich wurde hier und da korrigiert. "Sag mal, wieso rutscht denn Dein Schenkel so zurück? Das ist mir bisher noch gar nicht so aufgefallen... Ob das am Sattel liegt...?" 
Nun ja, das Thema "Schenkel an den Gurt" hatte ich ja bereits in der ersten Stunde mit seinem Schwiegervater. Vom Junior werde ich in nun den "Schumacher-Rennsitz" gesetzt (ich mag seinen Euphemismus!
). Krasses Verhalten erfordere krasse Gegenmaßnahmen und im Lauf der Stunde rutschen meine Beine tatsächlich auch wieder weiter nach vorne an den Gurt. Auch meine Riesenbaustelle Schenkelweichen wird weiter unter die Lupe genommen. Dachte ich's mir doch: mit meinen Gewichtshilfen stimmt's einfach nicht. Ich belaste falsch. Irgendwann schaffe ich es wenigstens halbwegs, das Viereck zu verkleinern und wieder zu vergrößern. Da hab ich aber noch ne Menge vor mir, um das mal gescheit hin zu bekommen...
Außerdem, obwohl mir die Bahnregeln bekannt sind, verursache ich irgendwie immer wieder Beinahe-Karambolagen mit den Kamikazeponies.
Mist.
Es wird eine Abteilung gebildet. Ich hänge mich hinter die Kinder und ihre Pferdchen und kann trotzdem nicht wirklich mithalten. *treib* *schwitz*
Wir gehen auf den Zirkel und galoppieren an. DAS klappt diesmal richtig gut (erinnert man sich daran, dass ich Silvester in der ersten Stunde kaum zu einem etwas flotteren Sprung bewegen konnte). "Schön, Birte, schööön! Seehr gut!" Ich wachse über mich hinaus.
Das muss ich auch, denn das Telefon klingelt und der Chef muss rangehen. Im Vorbeifliegen höre ich immer nur: "Ja, ok" - "Ich muss" - "Ich unter-" "Ich wer-" "Ja mach-" - und bete nur noch heimlich: Bitte, lass ihn auflegen, bitte, es reicht, bitte, ich kann nicht mehr!
Nach einer gefühlten halben Stunde heißt es dann endlich: durchparieren zum "Deeerapp". Puh! Ich warte auf die erlösende Schrittphase, die aber nicht folgt. Handwechsel, durch die halbe Bahn wechseln. Weiter im Trab (ich wieder leicht, ich kann nicht mehr, in meinem Kopf rauscht es). Und dann heißt es plötzlich "aufmarschieren!".
Es ist kurz nach sieben. Ich sitze seit mehr als eineinviertel Stunden auf Silvester. Ich bin froh. Es war gut, es ist vorbei...
Das korrekte Aufmarschieren wird geübt (ich steh zu nah am Tier rechts von mir) und gelobt wird erst, als alle so stehen, wie sie es sollen.
Mein Körper lechzt nach dem Kommando "Zügel aus der Hand kauen lassen" meine Ohren vernehmen statt dessen ein gebelltes: "GRÜßEN!" 
Waaa?
Pflichtschuldigst schnellt meine Hand an den Helm und mein Haupt neigt sich.
"Wir reiten jetzt Aufgabe!"
*schluck*
Und so kommt Fidelma noch in den Genuss des Reitens einer E-Dressur. Und glaubt es, oder glaubt es nicht: allein der Grüßen-Befehl hat in mir alle letzten Reserven locker gemacht. Ich fühle mich wie in einer echten Turniersimulation (die es für meine morgen startenden Mitreiterinnen ja auch sein soll) und gebe mein Letztes.
Nach dem letzten Aufmarschieren sehe ich das grinsende Reitlehrergesicht vor mir: "Na? War doch gar nicht so schlecht... Magste beim Hausturnier mitreiten? Wir haben da auch ne Erwachsenengruppe..."
Wenn ich etwas nicht sofort will, hab ich da einen Reflex: ich antworte dann immer "Da muss ich arbeiten..." (was in 99,9 % aller Fälle auch stimmt!) Der Reitlehrer guckt etwas bedröppelt und mir wird jetzt erst klar, was der da gesagt hat und wie ich reagiert habe. Und eigentlich freue ich mich doch ganz dolle und fühle mich sooooo geehrt. 
Aber wollen will ich trotzdem nicht.
Endlich dürfen wir trocken reiten und ich bekomme noch das wohl süßeste Bonbon des Tages. Eines der Pony-Mädchen (Sowas von süß! Neee, was 'ne Süße!), so vielleicht 12 Jahre alt, schließt zu mir auf und fragt schüchtern nach oben: "Wie lange reiten sie schon?" Ich überlege einen Moment, wie viel Ehrlichkeit auf diese Frage wohl angemessen ist (also, Pausen mit eingerechnet vom ersten Ponyritt an, roundabout dreißig Jahre...) und entscheide mich für ein diplomatisches: "Naja, schon ein paar Jahre, aber mehr im Wald. Hier habe ich meine fünfte Stunde..." - "Wieso fragst Du?"
"Och", strahlt es mich von unten an, "Sie machen das schon ganz prima..."
SÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜß!
Danke.
Zu Hause angekommen habe ich dann dennoch mal geguckt, was mein Kleiderschrank in Richtung reiten so her gibt. Ich sag es mal so: mein Turniersakko (*) und mich trennen einfach noch mindestens 10 Kilo.
Und die krieg ich bis nächste Woche (das Hausturnier ist nämlich morgen in einer Woche) definitiv nicht weg...
Aber träumen wird ja noch erlaubt sein, oder?
Am Montag reite ich wieder, und wenn es Euch gefällt, dann schreibe ich auch etwas drüber.
Ich habe geschwitzt wie ein Stier, ich habe gelitten wie ein Hund, ich merke jeden Muskel: Heute war's jedenfalls einfach ganz große Klasse.
Liebe Grüße und gute Nacht
Fidelma
* vor zwei Jahren im Wahn, bestimmt auch mal mein Abzeichen zu machen, als Belohung für damaligen WW-Erfolg erstanden